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ALEA IACTA EST. Der Würfel ist gefallen.

von Ronja Friedrichs

Der Würfel fällt. Der Künstler führt eine Aktion aus. Der Würfel wird erneut geworfen. Der Künstler handelt entsprechend. Schicht um Schicht baut sich ein Bild auf. Bis der Künstler entscheidet, dass Schluss ist.

Bears Witness 2015, Öl, Vinyl und Sprühlack auf Leinwand, 140 x 140 cm

Diese strenge Systematik hat sich Ted Green für seine Werkgruppe der „Dice Paintings“ verordnet – doch so einfach sich das Prinzip zunächst anhören mag, die Ergebnisse sind überwältigend.

Bei „Bears Witness“ z. B. ist der Betrachter auf knapp zwei Quadratmetern mit einer die gesamte Bildfläche bedeckenden All-Over Struktur konfrontiert, die die Imaginat ion eines jeden herausfordert. Dunkle, kräftige Farbbereiche kontrastieren mit hellen, fast überirdisch leuchtenden Flächen. Gemeinsam mit den zackigen Linien und dem symmetrischen Bildaufbau strahlt das Bild Kraft und Dynamik aus. Die innere Energie des Bildes erscheint, als könnte sie jeden Moment die Grenzen des Bildes sprengen.

Dies erreicht der Künstler, indem er dem simplen Auswürfeln ein komplexes System an Gestaltungsregeln zu Grunde legt. Dafür entwickelt Green für jedes Werkspezifische „Multiple-Choice-Tabellen“, die je Gestaltungselement bis zu sechs verschiedene, auszuwürfelnde Optionen zulassen. Jede Option entspricht dabei einer oder mehreren Ziffern auf dem Würfel: Von der Farbgebung über dengestischen Akt der Auswahl eines Pinselstrichs bis hin zur Entscheidung über die verwendete Form. Der künstlerische Prozess unterliegt somit weitgehend der Willkür des Würfelglücks. Der Zufall wird zum Gestalter, der Würfel zum Kraftstoff und die geworfenen Zahlen ergeben die spezifischen Details.

All In – Der Künstler als genialer Spieler

Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt, dass Green sich in seiner Fokussierung auf den Zufall in guter Gesellschaft befindet. Denn seit die Idee des Künstlers als ein originäres Genie brüchig geworden ist, wird immer wieder mit alternativen Methoden der Gestaltung experimentiert.

Der Zufall wurde besonders in der Konzeptkunst und im Konstruktivismus willkommen geheißen. So erhob Marcel Duchamp in der Arbeit „3 Musterfäden“ (1913 – 1914) den Zufall zum Prinzip. Aus einer def inierten Höhe ließ er drei ein Meterlange Fäden herabfallen und fixierte deren entstandene Formen für die Ewigkeit. Ein Kunstwerk aus Regeln und Zufall, das nicht zu wiederholen ist. Bei zahlreichen Künstlern wie John Cage, Jean Arp, Gerhard von Graevenitz oder auch Francois Morellet findet sich in der Folge immer wieder ein ähnlicher Einsatz des Zufalls. Hervorzuheben ist besonders Peter Lacroix, der in den 1960er und 1970er Jahren wie auch Green seine Bilder auswürfelte. Bei allen Künstlern erhält der Zufall eine werkbestimmende Funktion, fügt sich jedoch auch in das Regelsystem ein, das die Künstler individuell festgelegt haben.

Marcel Duchamp wählt drei Seile, Jean Arp eine große Anzahl Papierschnipsel und Green eben komplexe Multiple-Choice-Tabellen. Green ist also keineswegs der erste Künstler, der sich das Prinzip des Zufalls zu eigen gemacht hat. So liegt der Reiz seiner Bilder auch weniger in der Originalität des Verfahrens als in seinem Umgang damit. Green hat gemerkt, dass bei einer strikten Anwendung seine Methode die vollständige Abhängigkeit vom Zufall im Kontext seiner vielschichtigen Systematik unerwünschte Ergebnisse liefern kann. Schließlich ist der Zufall heimtückisch. Daher hat er es sich zur Gewohnheit gemacht, dieser Heimtücke im Einzelfall entgegen zu treten, indem er dem Zufall Grenzen setzt. So hat Green zu Beginn des Arbeitsprozesses selten eine Vorstellung davon, wie das Bild aussehen soll, sodass ausschließl ich der Würfelwurf den nächsten Schritt vorgibt. Je weiter die Werkentstehung jedoch for tgeschritten ist und sich das Bild entwickelt, umso stärker wird auch seine Idee von dem vollendeten Werk. Wenn ihm klar wird, dass der nächste Würfelwurf das Bild zerstören könnte, greift er daher ein. Er lässt den Würfelliegen und trifft selbst die Entscheidung für die nächste Aktion oder er reduziert die Auswahl der Tabelle, um die Auswirkungen des potentiellen Malbefehls zu reduzieren. Hier in liegt die größte Differenz zu seinen Kollegen der Konzeptkunst.

Green bleibt als Individuum mit seiner Intuition und seinem ästhetischen Werturteil im Werkprozess immer präsent. Denn sein Ziel ist nicht ein ausschließl ich vom Zufall bestimmtes Werk, sondern es muss immer auch ein „ästhetischer folgreiches Bild“ sein, so der Künstler selbst. Für ihn ist der Zufall ein Mittel, Ordnung mit Nicht-Ordnung zu vermengen. Er arbeitet damit bewusst dem rein mechanischen Prozess der Bildentstehung entgegen. Es entsteht eine Spannung zwischen der strengen Systematik der Bildgenese und dem dynamischen, lebendigen Eindruck des finalen Bildes. Die Rolle, die Green als Künstler einnimmt, unterscheidet sich damit fundamental von der gängigen Erwartungshaltung an einen Künstler. Hier ist der Künstler weder das Genie, aus dessen Imagination das gesamte Werk entsteht, noch fügt Green sich in eine passive Künstler rolle, die schicksalhaften Kräften, wie dem Zufall, das Zepter über reicht. Vielmehr ist der Künstler Green am ehesten einem Spieler gleichzusetzen. Ein Spiel ist ein System bindender Verhaltensweisen (Regeln), innerhalb dessen jedoch für den Spieler gewisse Gestaltungsmöglichkeiten bleiben. Häufig entscheidet das Glück oder eben der Zufall über den Ausgang des Spiels. Egal welche Karten dem Spieler zugeteilt werden oder, z. B. im Falle von „Mensch-ärgere-dich-nicht“, welche Augenzahl der Würfel zeigt, es bleibt abhängig von der Erfahrung, Intuition und Können des Spielers, mit dem zufälligen Ergebnis umzugehen und dieses für seinen eigenen Vorteil zu nutzen. Da sich Green für die Werkentstehung einen eigenen Satz an Regeln setzt, bringt er eine neue Dimension in seine Bilder.

Als Künstler bewegt er sich innerhalb dieser Regeln. Jedoch, wie der geniale Spieler, weiß Green, wann er dem Zufall vertrauen kann und den vollen Einsatz setzt, und wann er sich über diesen hinwegsetzen muss, um aus dem Spiel auszusteigen. Der Spielverlauf wird demnach genauso wichtig wie das Endergebnis, der Werkentstehungsprozess ist in seiner Bedeutung dem finalen Werk gleichzusetzen. Denn gerade in dem Entstehungsprozess zeigt sich Greens unverwechselbares Verständnis als Künstler, der Zufall Intuition und Emotion in seinen Bildwerken zusammenführt und so eine bemerkenswerte Spannung in den Malprozess einführt. Die dabei scheinbare Unvereinbarkeit von Zufall und Steuerung, Ordnung und Nicht-Ordnung ist dabei das essentielle bildgebende Element in Greens Werk.

Absorbs 2009 Öl, Acry und Lackfarbe, 230 x 200 cm

Schwarz-Weiß ist kein Beweis

Hat der Künstler entschieden, dass das Bild vollendet ist, kommt das Spiel des Entstehungsprozesses zu seinem natürlichen Ende. In diesem Stadium wiederum beginnt für den Betrachter ein ganz eigener Prozess. Denn bewusst vermeidet Green, dass seine Kunstwerke auf identifizierbare Objekte verweisen. Vielmehr erschafft er Bilder, die er zurecht der Kategorie gegenstandslose Malerei zuordnet. Im Gegensatz zur abstrakten Malerei geht es ihm nicht darum, einzelne individuelle Merkmale zu Gunsten der Darstellung des Wesentlichen wegzulassen, sondern Malerei auf seine grundlegenden Eigenschaften zurückzuführen. Denn prinzipiell ist Malerei nichts anderes als Farbe, die auf einen Bildträger aufgebracht wurde. Indem Green jede inhaltliche Anknüpfung vermeidet, delegiert er die Verantwortung für eine mögliche Bedeutung des Bildes an den Betrachter. Der sieht sich mit einer komplexen Fragestellung in Form eines Bildes konfrontiert. Das großformatige Gemälde „Absorbs“ ist dafür ein typisches Beispiel.

An der Mittelachse symmetrisch aufgebaut, er innert es an die bekannten Tintenklecksbilder, die beim Rorschachtest zum Einsatz kommen. Nur ist es in seiner Gestaltung bei weitem verworrenen und verzwickter. Der das Bildzentrum dominierende schwarz-weiße Kontrast entwickelt eine Sogwirkung, die obere Hälfte des Bildes wird von roten Farbtönen bestimmt, während im unteren Bereich hauptsächlich kalte, blaue Farben zu finden sind. In dem wilden Durcheinander von zackigen Linien, Street-Art-Assoziationen und kreisrunden Farbklecksen scheint sich ein Kampf der Elemente Feuer und Wasser zu entfalten. Ein anderermag in dem überwältigenden Wirrwarr aber auch eine Gasmaske (mittig) oder Tierformen erkennen. Wie beim Rorschachtest gibt es die einzig wahre Antwort nicht. Im Gegenteil: Es gibt so viele richtige Antworten, wie es Betrachter gibt. Das Bild gleicht einem Rätsel, dass individuell entschlüsselt werden muss. Der einzige vom Künstler gegebene Hinweis über den Titel ist gleichzeitig so irreführend wie irrelevant.

Der Titel „Absorbs“ (engl.: jem./etw. absorbieren) ist wie die meisten Titel bei Green ein Zufallsprodukt und den Hinweisen von Kreuzworträtseln entnommen. Sie sind daher eher ein Augenzwinkern des Künstlers, den Betrachter in seinem Prozess der Entschlüsselung des Bildes auf Glatteis zu führen. So ist auch der Titel der Ausstellung zu verstehen „Schwarz und Weiß ist kein Beweis“. 1) Farbenfroher als der Titel vermuten lassen würde, bilden Greens Werke einen Abgesang auf die Vorstellung der allgemein gültigen Wahrheit zu Gunsten einer pluralistischen Weltoffenheit.

Grenzen überschreiten!

Es ist folglich auch nicht verwunderlich, dass Green sich an die durch die Malerei eigentlich gesetzten Grenzen nicht hält. Als zweidimensionale Bilder entfalten die Werke der Rorschachserie durch ihre zahl reichen Schichten eine enorme Tiefenwirkung. Dieses Konzept der einzelnen Farbschichten wörtlich nehmend, wendet Green sein Gestaltungsprinzip auch in dreidimensionalen Installationen an. Filigrane Papierinstalationen durchbrechen die Grenzen der Malerei und lassen nicht mehr scheinbar einen Raum erzeugen, sondern markieren den tatsächl ich vorhandenen. So findet die seit 2009 praktizierte Serie der symmetrisch aufgebauten Rorschachbilder eine zielführende Fortsetzung.



1) Den Titel hat der Künstler selbst gewählt, ist jedoch ein Zitat aus dem Lied „Geburt einer Nation (One Vision)“ der Industrial Band Laibach.